Gefühle kann man nicht wegdenken

2–4 Minuten

„Wenn wir unsere Körper verhüllen, damit wir nicht frieren, kann ich das verstehen. Warum aber verhüllen wir unsere Gefühle, auch wenn wir spüren, dass es dadurch kälter wird?“
~ Kristiane Allert-Wybranietz

Verstehen und Fühlen sind zwei ganz unterschiedliche Prozesse. Wir können unsere Gefühle analysieren, erklären und in Worte fassen und gleichzeitig von ihnen abgeschnitten bleiben. Erkenntnis ist zwar Kopfsache, aber verstehen ist sehr körperlich.

Denken als Schutz vor unangenehmen Gefühlen

Der Mensch hat die Fähigkeit, Erfahrungen gedanklich einzuordnen und auszudrücken. Das hilft uns dabei, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen und schwierige Situationen zu bewältigen. Problematisch wird es, wenn Denken die einzige gelernte Strategie ist.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Intellektualisierung. Gemeint ist die Tendenz, belastende Gefühle vor allem über Gedanken zu kontrollieren. Statt Traurigkeit zu spüren und auszudrücken (z.B. durch Weinen), analysieren oder zerdenken wir ihre Ursachen bis hin zum „Gedankenkaroussel“. Statt Angst zu fühlen, suchen wir nach Erklärungen dafür oder relativieren sie. Statt Enttäuschung zuzulassen, diskutieren wir (innerlich) über Schuld, Verantwortung oder mögliche Lösungen.

Für den Moment entlastet das zwar, aber die Gefühle verschwinden nicht. Sie wollen nämlich wahrgenommen und gefühlt werden.

Gefühle auf Kopf- und Körperebene

Gefühle sind nicht nur Gedanken, sondern gehen mit körperliche Reaktionen einher. Angst beschleunigt beispielsweise den Herzschlag, Trauer kann Schwere im Körper erzeugen und Freude geht häufig mit einem Gefühl von Weite und Lebendigkeit einher.

Wer Gefühle ausschließlich auf der Kopfebene analysiert, verliert über die Zeit den Kontakt zu diesen körperlichen Signalen. Das kann zu führen, dass man im Alltag zwar funktioniert, aber sich innerlich leer, erschöpft oder von sich selbst entfremdet fühlt.

Warum wir Gefühle vermeiden

Gefühle können sich sehr unangenehm, überwältigend oder sogar unaushaltbar anfühlen. Niemand erlebt gerne Angst, Scham, Hilflosigkeit oder Trauer. Deshalb entwickeln wir Strategien, um Abstand zu ihnen zu gewinnen. Manche lenken sich dauerhaft ab, andere arbeiten besonders viel, wieder andere grübel ständig über Erklärungen nach oder greifen zu Substanzen wie Alkohol.

Hinter all diesen Strategien steckt meist kein Mangel an emotionaler Kompetenz, sondern ein nachvollziehbarer und sehr menschlicher Schutzmechanismus. Oft haben Menschen früh gelernt, dass bestimmte Gefühle unerwünscht sind oder keine ausreichende Resonanz finden. Das Vermeiden von Emotionen wird dann zu einer unbewussten Gewohnheit, welche mit der Zeit einen hohen Preis haben kann. Studien zeigen, dass das dauerhafte Unterdrücken von Gefühlen mit erhöhtem Stress, geringerer Lebenszufriedenheit und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden sein kann (Chervonsky & Hunt, 2017).

Vom Verstehen zum Erleben

Psychologische Veränderung entsteht selten nur durch Einsicht, sondern dadurch, dass Gedanken und Gefühle wieder miteinander in Kontakt kommen. Wenn wir uns öfter mal fragen, was wir denn gerade eigentlich fühlen, wo im Körper wir etwas wahrnehmen und was wir in dem Moment eigentlich brauchen, dann wechseln wir von der Kopfebene zur Erfahrungsebene im Hier und Jetzt.

Gefühle sind keine Schwäche

Unsere Gesellschaft betrachtet Emotion eher als etwas, das kontrolliert oder überwunden werden muss. Tatsächlich erfüllt aber jedes Gefühl eine wichtige Funktion (z.B. Bedürfnisse, Grenzen oder Werte) und wollen darin gehört und gesehen werden. Wer sie dauerhaft unterdrückt, verliert mit der Zeit einen wesentlichen Zugang zu sich selbst.

Vielleicht liegt die Herausforderung daher nicht in erster Linie darin, Gefühle besser zu erklären, sondern ihnen etwas mehr Raum zu geben. Nicht jedes Gefühl muss verstanden werden; manche wollen einfach nur wahrgenommen werden.


Quellen:
Chervonsky, E., & Hunt, C. (2017). Suppression and expression of emotion in social and interpersonal outcomes: A meta-analysis. Emotion, 17(4), 669–683. https://doi.org/10.1037/emo0000270

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