AD(H)S ist aktuell in aller Munde – von Social Media bis zu Gesprächen im Bekanntenkreis. Doch die Diagnose ist weit mehr als ein Trend: Viel mehr Erwachsene, als zunächst angenommen, kämpfen ihr Leben lang mit typischen Symptomen wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder ständiger Überforderung (Roll, 2014; Sobanski & Alm, 2004) – oft, ohne die Symptomatik überhaupt einordnen zu können.
Warum Erwachsene durchs Raster fallen
Deshalb wird AD(H)S leider häufig fälschlicherweise als Modeerscheinung eingeordnet, weil lange Zeit angenommen wurde, dass nur Kinder betroffen seien und Erwachsene „herauswachsen“ würden. Jedoch bleiben bei 50 – 80% der Erwachsenen die Symptome vollständig oder zum Teil bestehen (Eich & Eich, 2015; Philipsen & Döpfner, 2020; Roll, 2014). AD(H)S ist eine ernsthafte Kondition, die den Alltag erheblich beeinflusst und in bis zu 80% Fällen mit Suchterkrankungen, Depressionen oder Angststörungen einhergeht (Choi et al., 2022; Sobanski & Alm, 2004).
Erfahrungen aus der Diagnostik
In meiner früheren Tätigkeit in der AD(H)S-Diagnostik wurde die Versorgungslücke sehr deutlich: Kassenärztliche Therapieplätze sind rar, und die langen Wartezeiten erschweren vielen Betroffenen den Zugang zu professioneller Unterstützung. Ich habe immer wieder von Betroffenen gehört, dass Fachkräfte ihren Leidensdruck unterschätzt haben und sie sich nicht verstanden oder ernst genommen gefühlt haben.
Genau an dieser Stelle möchte ich ansetzen: Denn was in der regulären Versorgung oft fehlt, ist eine individuelle Begleitung, die Verständnis, Struktur und konkrete Strategien verbindet. Auf Basis meiner Erfahrung habe ich mir nun eine meiner Visionen erfüllt: Mein Wissen aus der AD(H)S-Diagnostik anzuknüpfen, um Erwachsene mit AD(H)S zu unterstützen – insbesondere auch diejenigen, deren Symptome eher subtil oder angepasst sind und daher leicht übersehen werden.
Quellenangaben
- Choi W-S, Woo YS, Wang S-M, Lim HK, Bahk W-M (2022). The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLoS ONE 17(11): e0277175. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0277175
- Eich, D., & Eich, P. (2015). «Aufgeschoben ist (nicht) aufgehoben!» Bedeutung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 1, 13–16. Retrieved from http://www.szh.ch/bausteine.net/f/19974/20150113_Eich-Hoechli.pdf
- Philipsen, A., Döpfner, M. (2020). ADHS im Übergang in das Erwachsenenalter: Prävalenz, Symptomatik, Risiken und Versorgung. Bundesgesundheitsbl 63, 910–915 (2020). https://doi.org/10.1007/s00103-020-03175-y
- Sibley MH, Mitchell JT, Becker SP (2016) Method of adult diagnosis influences estimated persistence of childhood ADHD: a systematic review of longitudinal studies. Lancet Psychiatry 3(12):1157–1165.
- Roll, S. C. (2014). ADHS im Erwachsenenalter – Mode oder reale Diagnose? DNP – Der Neurologe und Psychiater, 15(2), 66–70. https://doi.org/10.1007/s15202-014-0612
- Sobanski, E., Alm, B. (2004). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen. Nervenarzt 75, 697–716 (2004). https://doi.org/10.1007/s00115-004-1757-9

